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Orange Wines: Eine Reise durch Zeit und Terroir

Orange Wine hat sich von einer Nischenkuriosität zu einem festen Bestandteil ernsthafter Weinkarten entwickelt. Sommeliers lieben ihn, viele Weintrinker sind noch ratlos, und vieles, was darüber geschrieben wird, ist unscharf. Zeit, klarzustellen, was er ist, woher er kommt und warum er so schmeckt, wie er schmeckt.

Orange ist eine Technik, keine Philosophie

Orange Wine ist Weißwein, der wie Rotwein gemacht wird. Die Trauben werden gequetscht, und der Most gärt mit den Schalen, manchmal auch mit Kernen und Stielen. Der Kontakt kann wenige Tage oder mehrere Monate dauern. Die Schalen geben dem Wein Farbe, von blassem Gold bis tiefem Bernstein, dazu Tannin und eine Textur, die ein konventioneller Weißwein nie hat.

Mehr bedeutet der Begriff nicht. Er sagt nichts über Anbau oder Zusätze aus. Naturwein ist eine andere Idee: biologische oder biodynamische Trauben, wilde Hefen und im Keller wenig oder nichts zugesetzt. Beides überschneidet sich oft, denn viele Erzeuger von maischevergorenen Weinen arbeiten auch mit minimalen Eingriffen. Doch ein Orange Wine kann mit Reinzuchthefen und Sulfiten entstehen, und ein Naturwein kann ein vollkommen klarer Weißwein sein. Man sollte beides getrennt betrachten.

Achttausend Jahre in Ton

Maischegärung ist nichts Neues. Sie ist die ursprüngliche Art, Wein zu machen. 2017 fanden Forscher um Patrick McGovern Weinrückstände in Tongefäßen aus zwei jungsteinzeitlichen Dörfern in Georgien, Gadachrili Gora und Schulaweris Gora, datiert auf etwa 6000 bis 5000 v. Chr. Damit ist Georgien die älteste bekannte Weinkultur der Welt.

Seitdem vergären georgische Winzer weiße Trauben auf ihren Schalen in vergrabenen Tongefäßen, den Qvevri. 2013 nahm die UNESCO die Methode in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf. Die Georgier nennen das Ergebnis Bernsteinwein, und das Gefäß verdient eine eigene Geschichte: siehe unseren Begleitartikel Die Qvevri-Methode: Die uralte Kunst der Weingärung.

Die moderne Wiederentdeckung

Den größten Teil des 20. Jahrhunderts ging die westliche Weinbereitung den umgekehrten Weg: schnelles Pressen, klarer Most und temperaturgesteuerter Stahl. Maischevergorene Weißweine überlebten in Georgien und in einigen ländlichen Ecken Europas, sonst kaum irgendwo.

Die Wiederentdeckung begann an der Grenze zwischen Italien und Slowenien. Im Collio und in Oslavia im Friaul kehrten Erzeuger wie Joško Gravner und Stanko Radikon um die Jahrtausendwende zur langen Maischestandzeit zurück; Gravner arbeitete schließlich mit georgischen Tongefäßen. Ihre Weine spalteten die Meinungen, ignorieren konnte man sie nicht.

Der Kategorie fehlte noch ein Name. 2004 prägte David Harvey vom britischen Importeur Raeburn Fine Wines den Begriff „Orange Wine“, und er setzte sich durch. Heute wird er von Australien bis Oregon erzeugt, in Ton, Holz, Beton und Stahl.

Wie er entsteht

Die entscheidende Frage ist die Dauer auf den Schalen. Wenige Tage ergeben einen leichten, sanft texturierten Wein mit einem Hauch Farbe. Wochen oder Monate ergeben tiefen Bernstein, festes Tannin und eine würzige, fast umamihafte Tiefe.

Auch das Gefäß zählt. Qvevri und Amphoren bringen Erdigkeit und Textur, altes Holz gibt Breite, und Stahl hält die Frucht präzise. Den Rest bestimmt die Rebsorte. Aromatische Sorten wie Muskateller oder Gewürztraminer werden blumig und exotisch, neutrale Sorten wie Ribolla Gialla oder Rkatsiteli nussig, teeartig und strukturiert.

Im Glas und am Tisch

Zu erwarten sind Aprikose und getrocknete Orangenschale, angeschlagener Apfel, Schwarztee, Nüsse, Honig und getrocknete Kräuter. Oft zeigt sich ein leicht oxidativer Ton, und immer der Griff des Tannins im Abgang.

Genau dieses Tannin macht Orange Wine am Tisch so nützlich. Er bewältigt Speisen, an denen die meisten Weißweine scheitern: Gewürztes und Fermentiertes, die nahöstliche und georgische Küche, Pilze, gereifte Hartkäse sowie gebratenes Schweinefleisch oder Geflügel. Servieren Sie ihn kühl statt kalt, bei etwa 12 bis 14 °C, und geben Sie ihm Luft.

Der letzte Schluck

Orange Wine ist kein Trend. Er ist die älteste Art, Weißwein zu machen, wiederentdeckt von einigen eigensinnigen Erzeugern und erst vor zwanzig Jahren benannt. Beurteilen Sie ihn wie jeden anderen Wein: nach Balance, nach Präzision und danach, ob er Lust auf ein zweites Glas macht. Nennen Sie ihn nur nicht Naturwein, solange der Erzeuger sich dieses Wort nicht verdient hat.

Zum Wohl!